Nach dem Finale der 4x200m Freistilstaffel stehen Paul Biedermann, Tim Wallburger, Christoph Fildebrandt und Benjamin Starke (v.l.n.r). im ARD-Interview Rede und Antwort zum vierten Rang.

Der Dresdner Schwimmer Tim Wallburger (SG Neukölln Berlin) startete bei den 14. FINA Schwimmweltmeisterschaften vom 24. bis 31. Juli 2011 in Shanghai über 200m Freistil und in der 4x200m Freistilstaffel. Seine Familie, Freunde, Vereinsmitglieder und Sponsorenpartner verfolgten die spannenden Wettbewerbe. Presse, Rundfunk und Fernsehen waren hautnah dabei. Sie alle sahen eine durchwachsene Leistung der deutschen Nationalmannschaft mit fünf dritten Plätzen der Beckenschwimmer, das Ausscheiden von Tim im Vorlauf um eine hundertstel Sekunde, die Zitterpartie der Königskrauler um den Finaleinzug nebst Rang vier nach großem Kampf einer personell umgewürfelten Staffel, die zwar gut, aber für eine Medaille eben nicht gut genug schwamm.
Als Tim Wallburger nach getaner WM-Arbeit am 2. August wieder in seiner Heimatstadt Dresden eintraf, hatten sich die Gemüter um die Formschwäche vieler DSV-Aktiven beim Saisonhöhepunkt längst noch nicht beruhigt. Endlich hatte Wallburger´s Webteam seinen WM-Starter vor sich, um die angestauten Fragen nach dem WIE WARS, WARUM und WESHALB oder WIE SIEHST DU DAS los zu werden! Tim Wallburger im Interview!
Tim, wir fangen mal vorsichtig an. Wie waren Deine beiden Flüge nach und von Shanghai?
Wallburger: Grausam, zu lange und zu eng, langweilig und fast ohne Schlaf! Beim nächsten Mal werde ich mir auf eigene Kosten mehr Platz buchen.
Wie gefällt Dir Shanghai?
Wallburger: Dresden hätte dort als kleiner Vorort eine Bushaltestelle und Berlin als Außenbezirk vielleicht drei U-Bahnstationen! Den Stromverbrauch einer Nacht wüsste ich schon gerne, denn alles ist klimatisiert und jedes Haus macht nachts eine eigene Lichtshow. Der Straßenverkehr ist die Hölle und unter der Erde trifft man garantiert alle Einwohner auf einmal. Die Stadt erstickt im Smog und lähmt bei 35 Grad und gefühlter 100 Prozent Luftfeuchte jeden Gedanken an eine zweite Besichtigungstour. Shanghai wächst minütlich in Breite und Höhe. Die WM-Sportanlagen waren einzigartig.
Wie war das Essen?
Wallburger: Erstaunlich gut. Mein Hauptgericht war Lammfleisch.
Fast alle DSV-Starter konnten nicht an ihre Leistungen von den Deutschen Meisterschaften anknüpfen. Die Medien haben ordentlich auf die Schwimmer eingeprügelt. Der Führungsstab - insbesondere Bundestrainer Lange - bemängelte zudem Eure fehlende Nervenstärke und Angriffslust. Wie siehst Du die Sache?
Wallburger: Ich bin nicht der Typ Mensch, der jedem gesprochenen oder geschriebenen Wort der Medien nachjagt. Ich liebe meinen Sport und freue mich deshalb, wenn er große öffentliche Beachtung findet. Klar ist, die Medien brauchen die besonderen Geschichten im und außerhalb des Wasserbeckens. In Shanghai haben wir davon genug geliefert. Wenn wir gut sind, werden wir gefeiert, ansonsten bekommen wir eine auf den Deckel. Damit muss man leben können. Das Medaillenziel haben wir in der Anzahl knapp, in den Farben klar verfehlt. Der eine Aktive bekam Nervenflattern, ein anderer vergeigte den Finaleinzug durch einen schlechten Anschlag, viele waren einfach nicht in Topform und es war viel Pech im Spiel. Der Weltschwimmsport stellt sich immer breiter auf. In der Spitze geht es eng zu. Es muss einfach in den entscheidenden Minuten und Sekunden alles passen, wenn Du vorn landen willst. Wie auch immer, die WM ist Geschichte. Wir blicken alle schon auf Olympia - ohne Untergangsstimmung versteht sich!
Auf Druck des Fernsehens wurden die Deutschen Meisterschaften sieben Wochen vor Shanghai ausgetragen. Viele Trainer hatten bereits im Vorfeld mahnende Worte verkündet und auch die DSV-Spitze sieht in der Terminierung jetzt eine wichtige Begründung für das schlechte Abschneiden.
Wallburger: Prinzipiell ist das richtig. Auch ich kann über sieben Wochen Spitzenleistungen nicht konservieren oder in dieser Zeit eine zweite Formkurve voll ausprägen. Allerdings war dieser Fakt lange bekannt und wir Schwimmer mussten mit unseren Trainern eine Strategie finden, damit umzugehen.
Aus Deinen Worten entnehmen wir, dass bei Dir wohl diese Strategie auch nicht voll aufging?
Wallburger: Für die diesjährige Langbahnsaison hatte ich als wichtigste Zielstellung, vor den Olympiaqualifikationswettkämpfen unbedingt WM-Luft zu schnuppern. Ich möchte in London mit der Staffel um eine Medaille kämpfen und in ein Einzelfinale kommen. Unsere und meine Konkurrenten waren in Shanghai. Ich habe sie gesehen - bin gegen sie geschwommen. Dieses Ziel habe ich erreicht und ich weiß jetzt, dass wir und ich Chancen haben in London und ich weiß jetzt, dass eine WM genau so spannend und langweilig zugleich ist, wie jeder andere Wettkampf.
Also ringsum zufrieden?
Wallburger: Nein, natürlich nicht! Ich wusste, dass ich die WM-Quali nicht mit links schaffe, zu stark ist das Teilnehmerfeld über die 200m Freistil in Deutschland. Paule (Anm.: Paul Biedermann) konnte die DM voll aus dem Training heraus schwimmen, um in Shanghai seine Maximalleistung abrufen zu können. Ich dagegen habe einige Tage getapert, um kein zu hohes Risiko einzugehen. Nach der DM war dann geplant, sofort wieder voll in das Training einzusteigen und dann vor Shanghai eine längere Taperphase einzulegen. Doch nach der DM wurde ich krank, konnte fast zwei Wochen nicht trainieren. Meine letzten Testwerte vor der WM waren zwar so schlecht nicht, aber mit denen vor der DM nicht zu vergleichen. Mit einer übelsten Laune bin ich nach Shanghai geflogen, weil ich wusste, Bestzeiten zur WM sind Utopie.
Ja, Bestzeiten gab es von Dir in Shanghai nicht zu sehen, aber so schlecht war Dein Auftritt dann doch nicht, oder?
Wallburger: Stimmt, weshalb ich viel besser gelaunt wieder in Berlin gelandet war.
Vorlaufpech im Einzel und ein Staffelauftritt, wo wir als Zuschauer fast verzweifelt waren - kläre uns mal auf, bitte!
Wallburger: Es ist natürlich ärgerlich, wenn nur ein Wimpernschlag am Halbfinale fehlt. Allerdings war die Zeit echt nicht gut. Ohnehin hatte ich die Vorläufe etwas schneller erwartet und war erstaunt, dass ich mit einer 48er Zeit so dicht dran war. Mit der Staffel war es auch nicht optimal gelaufen. Clemens Rapp war krank und wurde nach dem Vorlauf raus genommen. Benjamin Starke hatte einige Tage zuvor Magenprobleme und musste vor dem Staffelfinale noch im Einzel über 100m Schmetterling ran. Notdienst Christoph Fildebrandt hat seine Sache echt gut gemacht. Am Ende ein vierter Rang mit einer Zeit der 2010er EM-Silberstaffel in Budapest. Wir hätten in Bestbesetzung und Topform starten und noch einmal über uns rauswachsen müssen, um die Chinesen von Rang drei zu verdrängen. Es war einfach unter diesen Umständen nicht mehr drin!
Was sagst Du zu Britta Steffen mit ihrer WM-Flucht?
Wallburger: Ich habe größten Respekt vor der Sportlerin Steffen und ich mag Britta als Mensch. Wir haben immer viel Spaß miteinander und ich freue mich auf ein Wiedersehen beim gemeinsamen Kochen und Training. Schwer zu sagen, wie ich an ihrer Stelle gehandelt hätte. Vielleicht so: Scheiße gelaufen, da musste jetzt durch - weiter schwimmen, eben im Halbfinale ausscheiden und die Medienhaue über sich ergehen lassen. Eine Woche nach der WM regiert wieder König Fußball und alles ist vergessen. Ich denke, so bleibt jetzt in ihrer Sportbiographie ein Ereignis kleben, welches ihr in guten und schlechten Zeiten immer mal wieder auf´s Brot geschmiert wird.
Wie geht es mit Dir jetzt weiter?
Wallburger: Jetzt mache ich erst einmal einige Tage Urlaub - Hotel, Strand, Chillen mit meiner lieben Lisa. Danach trifft sich die Nationalmannschaft zum Lehrgang in Kienbaum, anschließend Höhentrainingslager in Spanien und Kurzbahnsaison.
Na dann wollen wir Dich nicht länger aufhalten. Wir haben natürlich noch viele Fragen auf unserem Zettel stehen, aber dazu wollen wir uns nach dem Saisonstart unterhalten. Ach so, eine Frage brennt noch beantwortet zu werden. In Dresden gibt es wieder bzw. immer noch Zoff um den Neubau der Schwimmhalle Freiberger Straße. Der Startschuss verzögert sich auf unbestimmte Zeit und weitere Leistungssportler verlassen die Elbestadt. Gern zitieren die regionalen Medien den Tim Wallburger zum Thema. Deine Antwort heute?
Wallburger: Was soll ich dazu noch sagen? Der Countdown bis zur Schließung der maroden Halle läuft. Für mich ist und bleibt es eine unterlassene Hilfeleistung der Stadt, Kindern das Schwimmen beizubringen und den Einwohnern ein Umfeld zu schaffen für eine gesunde Lebensweise. Dresden war einmal eine große Sportstadt mit der Kernsportart Schwimmen. Heute ist Dresden eine wunderschöne Stadt an der Elbe, wo immer mehr Menschen Gefahr laufen, darin als Nichtschwimmer zu ertrinken. Wenn ich genug Geld hätte, würde ich dazu eine teure Anzeigenkampagne starten.